Herausforderungen im Management von komplexen Immunerkrankungen
Der Verlauf chronisch-entzündlicher Systemerkrankungen wie Psoriasis-Arthritis, chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED) oder entzündlicher Dermatosen ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Diese Erkrankungen sind durch eine ausgeprägte klinische Heterogenität gekennzeichnet: Sie betreffen verschiedene Organsysteme, zeigen zahlreiche Überschneidungen zwischen Fachgebieten und verlaufen in unterschiedlicher Dynamik. Auch das Ansprechen auf zielgerichtete immunmodulatorische Therapien variiert erheblich.
Diese Vielfalt führt dazu, dass einheitliche Krankheitsphänotypen nur begrenzt abgrenzbar sind, was die systematische Untersuchung und Vergleichbarkeit erschwerten. Gleichzeitig erfordern die komplexen und oft überlappenden Manifestationen eng abgestimmte, interdisziplinäre Behandlungskonzepte sowie zunehmend personalisierte Therapieansätze.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass die hierfür notwendigen Daten bislang häufig fragmentiert vorliegen: Klinische Informationen werden in unterschiedlichen Systemen erfasst, ein gemeinsames, standardisiertes Dokumentationssystem fehlt.
Um die Heterogenität dieser Erkrankungen besser zu verstehen und gezielt nutzen zu können, ist es daher entscheidend, Daten strukturiert zu bündeln und vergleichbar zu machen.
Was ist ein Digitaler Zwilling?
Ein Digitaler Zwilling ist ein individuelles, datenbasiertes Modell einer Patientin oder eines Patienten.
Es bildet ein dynamisches, digitales Abbild, das medizinisch relevante Informationen integriert und den Krankheitsverlauf über die Zeit kontinuierlich fortschreibt.
Dazu gehören:
- Klinische Daten: Diagnosen, Krankheitsscores, Medikation, Laborwerte und Befunde
- Bildgebung und Histologie: Endoskopie-, MRT-, CT- und Ultraschallbefunde
- Verlaufsdaten: longitudinale Dokumentation von Krankheitsaktivität und Therapieansprechen
- Kontextfaktoren: Komorbiditäten, Lebensstil, sozioökonomische Aspekte
- Kohortenbezug: Vergleichsdaten aus Studien und anderen Patientengruppen
Durch die strukturierte Zusammenfassung dieser Daten kann der Digitale Zwilling komplexe Zusammenhänge sichtbar machen und vergleichende Analysen ermöglichen. Individuelle Krankheitsverläufe können in Relation zu ähnlichen Fällen betrachtet und durch evidenzbasierte Informationen, wie beispielsweise Leitlinien, kontextualisiert werden.
Warum ist das für die Entzündungsmedizin so relevant?
Patientinnen und Patienten mit komplexen Immunerkrankungen werden häufig von mehreren Fachdisziplinen gleichzeitig betreut – insbesondere der Rheumatologie/Immunologie, Dermatologie (z.B. entzündliche Dermatosen) und Gastroenterologie (z.B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen).
In der klinischen Realität entstehen dabei oft Informationssilos: Daten liegen fragmentiert in verschiedenen Systemen, Befunde werden unterschiedlich dokumentiert, und ein gemeinsames übersichtliches Gesamtbild der Patientin oder des Patienten fehlt.
Der Digitale Zwilling kann hier eine gemeinsame, standardisierte Datenbasis. Er ermöglicht, dass alle Behandelnden auf konsistente, aktuelle Informationen zugreifen, Therapieentscheidungen besser aufeinander abstimmen und potenzielle Versorgungslücken frühzeitig erkennen.
Was bedeutet das konkret für die Versorgung?
- Frühere und präzisere Einordnung von Krankheitsbildern durch strukturierte, vergleichbare Daten über Fachgrenzen hinweg
- Gezielterer Einsatz moderner Therapien - z. B. potenziell frühere und bedarfsgerechtere Einsatz von Biologika
- Transparente Krankheitsverläufe – Therapieansprechen und -versagen können frühzeitig erkannt werden
- Verbesserte interdisziplinäre Abstimmung – alle Behandelnden arbeiten auf einer gemeinsamen Datengrundlage
Von der Theorie zur Praxis: IMMUVision
Im Rahmen des Projekts IMMUVision entwickelt das Fraunhofer ITMP gemeinsam mit dem Fraunhofer IGD und Partnern aus Klinik, Forschung und Industrie ein digitales Patientenmodell für Patientinnen und Patienten mit Immunerkrankungen, die mehrere Organsysteme betreffen.
Im Zentrum steht eine digitale Plattform, die auf standardisierter Datenerfassung und -strukturierung aufbaut und den Digitalen Zwilling gezielt in den Versorgungsalltag integriert.
Der Einsatz erfolgt:
- in Sprechstunden von Entzündungszentren
- in spezialisierten Praxen
- eingebettet in bestehende klinische Workflows
- vernetzt über ein interdisziplinäres Expertennetzwerk
Das übergeordnete Ziel: eine patientenzentrierte, datengetriebene Versorgung, die das Potenzial hat, Versorgungslücken sichtbar zu machen, die Therapiequalität zu verbessern und neue Erkenntnisse über komplexe Immunerkrankungen zu generieren.